„Kleinrechner“ der DDR ganz groß
Autor: Andreas Richter/Uwe-Jens Müller (Quellen s. u.)
Zur Leipziger Herbstmesse 1961 wurde der „Cellatron SER2, ein neuer elektronischer Kleinrechner“ erstmalig vorgesellt, selbst ein Korrespondent der New York Times fand diese Vorstellung sensationell. (Quelle: Neue Technik im Büro, Heft 11/1961 Seite 321 ff.). Hergestellt wurden die Rechner bei Mercedes in Zella-Mehlis.

Der „VEB Maschinelles Rechnen Karl-Marx-Stadt“ hatte die SER2-Serie entwickelt. Man muss diese Entwicklung natürlich auch im Lichte der Entwicklung der Halbleitertechnik sehen. So genügten die verwendeten Transistoren ( u. a. OC825/OC872 ) aus eigener Produktion nicht den Qualitätsansprüchen. Deshalb mussten anfangs japanische Typen verbaut werden.

Die ersten Rechner SER2A und SER2B aus dieser Serie [erstmals vorgestellt zur Leipziger Frühjahrsmesse 1964] waren noch im Schreibtischformat aufgebaut. Die späteren Entwicklungen hatten bereits ein Bedienpult und erweiterte Hardware (Lochbandstanzer).
Auch die Befehlsliste wurde bei den Erweiterungen umfangreicher.

Von besonderem Interesse ist der hier beschriebene SER2B. Dieser Rechner hatte die doppelte Speicherkapazität und Taktfrequenz gegenüber dem SER2A. Trotz des noch recht bescheidenen Befehlsumfanges konnten umfangreiche wissenschaftliche Berechnungen durchgeführt werden.
Bis 1967 wurden 150 „Kleinrechenautomaten“ SER2B hergestellt und hatten ihre Leistungsfähigkeit bewiesen.
Für die arithmetischen Operationen wurden, dem Zeitgeist folgend, die aus der mechanischen Rechentechnik bekannten Abläufe elektronisch nachgebildet. Demzufolge entsprach auch die Struktur der Programmiersprache den Abläufen bei der Bedienung elektromechanischer Rechenautomaten. Alle Befehle waren hart verdrahtet. Eine Spur auf dem Trommelspeicher waren das R-Register und der Akkumulator.
Der Trommelspeicher lieferte außerdem den Maschinentakt und die Sondertakte.
Ein Schreibwerk diente als Ein- und Ausgabemedium.

Die Programme wurden über Lochstreifen eingegeben. Bei dem SER2B konnten auch Operanden über Lochstreifen eingegeben werden. Alpha-Zeichen konnten nicht verarbeitet werden.
Video der Simulation eines SER2B
Der SER2(A) war in der DDR der erste in Serie hergestellte Kleinrechner, der in Büros aufgestellt werden konnte. Insgesamt wurden von der SER2-Serie (A-D) 1048 Anlagen gebaut.
Der SER2B war vielseitig eingesetzt, von der einfachen Lohnrechnung bis zu umfangreichen wissenschaftlichen Aufgaben.

Wann die letzten Anlagen des Types SER2B abgeschaltet wurden, konnte noch nicht eindeutig recherchiert werden, vermutlich waren die letzten Anlagen bis Anfang der 1980-er Jahre in Betrieb.
Die SER2-Serie wurde beginnend ab 1967 durch den D4a als Arbeitsplatzrechner abgelöst. Dieser Rechner zeichnete sich durch einen leistungsfähigeren Logikentwurf mit weniger Bauelementebedarf, eine deutlich erweiterte Befehlsliste, einen leistungsfähigeren Trommelspeicher und eine deutlich höhere Rechengeschwindigkeit aus.
Der Rechner fand auf einem Schreibtisch Platz, bei Insidern die Geburtsstunde des PC. Allerdings war die Programmierung wesentlich komplizierter als die des SER2B und erforderte fundiertes Fachwissen, vielleicht vergleichbar mit 8-Bit Maschinencode-Programmierung.
Technische Daten des SER2B
Bauelementebasis:
etwa 2000 Dioden, 870 Ge-Transistoren, auf 78 Leiterplatten
Maschinentakt:
ca. 36kHz, über eine Spur auf dem Trommelspeicher erzeugt
Register: Akku AC und Umlaufregister R
Magnettrommelspeicher:
Zugriffszeit 10-45 ms
Konstanten: 127 Zahlen (8 Spuren)
Befehle: 381 Einzelbefehle (8 sPUREN)
Befehlsumfang:
8 Arithmetikbefehle (4 Grundrechenarten, mit und ohne Operandentransport)
2 Sprungbefehle (bedingter Sprung „Minussprung“, unbedingter Sprung)
3 E/A-Befehle (Schreibwerkausgabe, Tastatur- und Lochbandeingabe)
2 Transportbefehle (R-Register zum Trommelspeicher und umgekehrt)
3 Befehle zur Druckersteuerung
Eingabemedium:
Lochbandabtaster , Schreibwerk SE5 EA
Ausgabemedium:
Schreibwerk SE5 EA
Zahlendarstellung:
Zahlenbereich 10-7 bis 1010-1
10 Tetraden für die Mantisse
1 Tetrade Schutzstelle
1 Tetrade Kommawert und Vorzeichen
Rechengeschwindigkeiten:
Addition/Subtraktion 5 ms bis 100 ms
Multiplikation / Division 170 ms bis 370 ms
Quellen:
Zeitschriftenreihe „Neue Technik im Büro“ 11/1961 (ein neuer Elektronischer Kleinrechner) bis 06/1966 (Kleinrechner setzen sich durch)
Jacobs/Tumma „Von Mercedes zu Robotron“, Heinrich Jung-Vertragsgesellschaft
Zella Mehlis 2006 ab Seite 116
Unterlagen zum Symposium „Informatik in der DDR-eine Bilanz“, zu erreichen unter http://www.foerderverein-tsd.de/
Handbuch Kleinrechenautomat Cellatron SER2, Büromaschinenwerke Zella-Mehlis
Bedienungsanleitung Kleinrechenautomat SER2
Bedienungsanleitung Kleinrechenautomat SER2b